Tag-Archiv: Gedichte gegen den Krieg

Gedichte gegen den Krieg: Samstag

Manfred Moll (*1951)

in diesen tagen

in diesen tagen der eroberungen
will ich kein verteidiger sein
will nicht verteidigen
was ich nicht gepflanzt habe
was ich nicht gebaut habe
was nicht mir gehört
will ich nicht verteidigen
selbst das meine
will ich nicht verteidigen
ich will schutzlos bleiben
meine tür bleibt unverschlossen
in einer zeit
wo weder gnade noch recht ergeht
damit
was nirgends einen ort hat
eine heimat findet
bei mir


Aus: Poesiealbum neu „Gegen den Krieg. Gedichte & Appelle“, Leipzig 2013; auch als Hörbuch unter dem Titel „Schwarze Ängste. Neue Gedichte gegen den Krieg“ erschienen; Leipzig 2013;
herausgegeben von Ralph Grüneberger im Auftrag der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V.

Veröffentlicht in Antimilitarismus, Leipzig, Ostermarsch | Getaggt | Kommentare deaktiviert für Gedichte gegen den Krieg: Samstag

Gedichte gegen den Krieg: Freitag

Christel Hartinger (*1941)

Besuch in P. Volkstrauertag

Er steht nahe dem schlichten Westportal der
Kleinen Wehrkirche auf dem Dorfplatz: Der
Gedenkstein. Nicht verwittert, wie damals, vor
Zwei Jahrzehnten, frisch verputzt, mit kräftig
Markierten Inschriften, schwarzweißgolden. Auch
Das steinerne Kreuz oben wurde erneuert.
Auf den Seitenflächen die Namen der
1914/18 und 1939/45 Gefallenen.
Ich lese Paul Schuster und Schuster, Egon
Herbert und Wilhelm Schuster, auf der
Anderen Reihe noch einmal: Schuster, Georg. Und
Wieder: Hofer, Paul und Hofer, Eduard, Hofer, Fritz.
Die Frauen. Die Mütter und Großmütter,
Die Bräute, die Schwestern …
Nachts sah ich mich stehen, verstört, und verstand:
Nicht allein aus der Anzahl gleicher Namen
War es aufgestiegen, das Gedenken, ein
Verehrendes: Alles Patrioten? Alles Helden?
Trauer und Mahnung?
In Zeiten verdeckter globaler
Geschäfte in diesem Land
Welch wirkende Botschaft
Im glänzenden Schwarzweißgold?


Aus: Poesiealbum neu „Gegen den Krieg. Gedichte & Appelle“, Leipzig 2013; auch als Hörbuch unter dem Titel „Schwarze Ängste. Neue Gedichte gegen den Krieg“ erschienen; Leipzig 2013;
herausgegeben von Ralph Grüneberger im Auftrag der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V.

Veröffentlicht in Antimilitarismus, Leipzig, Ostermarsch | Getaggt | 1 Kommentar

Gedichte gegen den Krieg: Donnerstag

Andreas Reimann (*1946)

DER FRIEDEN

Vielleicht, wenn er kommt, dann erkenn ich ihn nicht.
Mag sein, daß enttäuscht er die tür aufbricht,
falls ich aus furcht sie verrriegelt hätt.
Vielleicht dann verwechselt mein zeitweiliger geist
das palmenzweigblatt, das im lichte gleißt,
mit einem geschliffenen bajonett.
Viel dunkel hat die nacht gesät.
Daß er bloß nicht vorübergeht!
Es ist schon spät. Es ist schon spät.
Ich weiß, wenn er kommt, schleppt er mühen heran,
und sticht nicht als erstes die weinfässer an,
und liebt uns nicht mehr als wir ihn.
Er läßt dir den vater, den bruder, den sohn.
Das andre mach selber: er hat uns ja schon
das menschenfremdgehn mit dem kriege verziehn.
Viel dunkel hat die nacht gesät.
Daß er bloß nicht vorübergeht!
Es ist schon spät. Es ist schon spät.
Vielleicht, daß er müd wird, wenn keiner ihn sucht.
Vielleicht hat er furcht, er sei abgebucht,
denn weit muß umgehn er das flackernde licht.
Vielleicht, daß er umgeht als du oder ich.
Dann reicht ein gewöhnlicher messerstich,
daß er zusammenbricht.
Viel dunkel hat die nacht gesät.
Daß er bloß nicht vorübergeht!
Es ist schon spät. Es ist schon s


Aus: Poesiealbum neu „Gegen den Krieg. Gedichte & Appelle“, Leipzig 2013; auch als Hörbuch unter dem Titel „Schwarze Ängste. Neue Gedichte gegen den Krieg“ erschienen; Leipzig 2013;
herausgegeben von Ralph Grüneberger im Auftrag der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V.

Veröffentlicht in Antimilitarismus, Leipzig, Ostermarsch | Getaggt | Kommentare deaktiviert für Gedichte gegen den Krieg: Donnerstag

Gedichte gegen den Krieg: Mittwoch

Helmuth Scheel(*1956)

im reinen

wir sind keine kampfmaschinen mehr
wir bauen jetzt welche
die besten
für die welt
sie liegt in unserm blut
die suche nach der saubersten lösung


Aus: Poesiealbum neu „Gegen den Krieg. Gedichte & Appelle“, Leipzig 2013; auch als Hörbuch unter dem Titel „Schwarze Ängste. Neue Gedichte gegen den Krieg“ erschienen; Leipzig 2013;
herausgegeben von Ralph Grüneberger im Auftrag der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V.

Veröffentlicht in Antimilitarismus, Leipzig, Ostermarsch | Getaggt | Kommentare deaktiviert für Gedichte gegen den Krieg: Mittwoch

Gedichte gegen den Krieg: Dienstag

Ralph Grüneberger (*1951)

Nordhausen, April 1945

Kein heiterer Himmel ist es
Aus dem die Bomben fallen
Die tausendjährige Stadt
Im tausendjährigen Reich zu treffen.
Dabei sah alles so friedlich aus:
Die ausgefachten Häuser und
Türmereien der Kirchen.
Hier gab es früh schon eine
Gleisbahn für die Straßen.
Kauboys probierten den Priem
Für den Weltmarkt.
Wie Gerippe hinter Glas
Erschienen dem Fremden
Die Destilatoren. Was
Die Kornbrenner umsetzten
Führte zu hochprozentigen
Einnahmen des Kämmerers.
Zum Wohl hieß zum Wohl
Der Stadt, die jedoch begann
Sich zu rüsten, die Fahne
Hatte einen Haken und es blieb nicht
Beim Schnaps.
In den Stollen die Höhlenmenschen
Ausgemergelte
In der Kartoffelkäferkluft
Ausgehungert, die Wunder
Waffe herzuzaubern. Goebbels
Sah schon ihren schlanken Leib
In der Stratosphäre
Über London.
V wie Vergeltung
Doch es blieb beim
V wie Verderben.


Aus: Poesiealbum neu „Gegen den Krieg. Gedichte & Appelle“, Leipzig 2013; auch als Hörbuch unter dem Titel „Schwarze Ängste. Neue Gedichte gegen den Krieg“ erschienen; Leipzig 2013;
herausgegeben von Ralph Grüneberger im Auftrag der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V.

Veröffentlicht in Antimilitarismus, Leipzig, Ostermarsch | Getaggt | Kommentare deaktiviert für Gedichte gegen den Krieg: Dienstag

Gedichte gegen den Krieg: Montag

Hans-Jürgen Heise (*1930)

Deutscher Standpunkt, 1950

 

Ich war so etwas wie ein Blitzableiter
des Vaterlandes. Denn ich war Soldat.
Und kämpfte auch nach Stalingrad noch weiter,
was jedoch kaum etwas zur Sache tat.
Wir haben schließlich doch den Krieg verloren.
Trotz Mölders. Und trotz mancher Heldentat.
Der Deutsche blutete aus allen Poren
… an allen Fronten … und aus beiden Ohren.
Er lernte um, er wurde Demokrat.
Mit Pazifismus und mit frommem Blick nach Osten
Mit Wolfgang Borchert. Und mit Marshallplan.
Mit Wiedergutmachung und Besatzugnskosten,
viel TbC und wenig Lebertran.
Doch ändern sich nicht nur die Zeiten.
Nein, auch die Ansichten, sie ändern sich.
Und nun die Sieger unter sich sich streiten,
braucht, deutscher Landser, man auch wieder dich.
Du wirst erneut zum Blitzableiter,
und wacker stehst du deinen Mann:
Volkspolizei- oder Europaheer-Gefreiter,
das kommt auf die Besatzungszone an.


Aus: Poesiealbum neu „Gegen den Krieg. Gedichte & Appelle“, Leipzig 2013; auch als Hörbuch unter dem Titel „Schwarze Ängste. Neue Gedichte gegen den Krieg“ erschienen; Leipzig 2013;
herausgegeben von Ralph Grüneberger im Auftrag der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V.

 

Veröffentlicht in Antimilitarismus, Leipzig | Getaggt | Kommentare deaktiviert für Gedichte gegen den Krieg: Montag