Rezension: Zwangsarbeit in Leipzig – zwei Rundgänge

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coverZwangsarbeit spielte eine wichtige Rolle im Krieg der Nazis. Da massenhaft Männer für den Kriegsdienst herangezogen wurden und damit in den Betrieben nicht zur Verfügung standen, wurden insbesondere massenhaft Menschen aus den von den Deutschen besetzten Gebieten in das Nazireich verschleppt und zur Zwangsarbeit gezwungen. Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen – so die Autor_innen des Buches „Vergessene Geschichte – NS-Zwangsarbeit in Leipzig“, Florian Schäfer und Paula Mangold – waren damit im Alltag omnipräsent. Sie arbeiteten in kleinen und großen Unternehmen, untergebracht waren sie in Lagern – das waren Turnhallen, Baracken und alte Veranstaltungssäle. Umso erstaunlicher ist es, dass die konkrete Aufarbeitung der Zwangsarbeitergeschichte nur langsam vorangeht sowie Arbeiten der 1980er und 90er Jahre nur geringe Resonanz fanden.

Die Autor_innen wählen einen besonderen Weg der Auseinandersetzung: Sie entwickelten zwei Stadtrundgänge, die sie nun in Buchform vorstellen. Der erste Rundgang führt durch den Stadtteil Connewitz, der zweite durch Lindenau. Beides sind Leipziger Stadtteile mit eher klein- und mittelständischer Industrie, die sich direkt in die Wohnbebauung erstreckt (und erstreckt hat). Anhand praktischer Beispiele reden sie über die konkrete Lebenssituation von Zwangsarbeiter_innen, über die ausbeutenden Unternehmen und den gesetzlichen Rahmen. Sie zeigen die Orte und nennen die Täter_innen. Sie sprechen über die gegen die Zwangsarbeiter_innen – nicht etwa gegen die Zwangsarbeit (!) – gerichtete Stimmung der deutschen Anwohner_innen, über den gelebten Rassismus der Zivilbevölkerung.

Da ist zum Beispiel die Firma Eberspächer, 1936 in Esslingen gegründet mit einem Zweigwerk in Leipzig-Connewitz. Hergestellt wurden bei Eberspächer metallgefasste Verglasungen, später Auspuffanlagen. Nach den Zweiten Weltkrieg stellte das Unternehmen vor allem elektrische Autoheizungen her und ist heute mit 67 Standorten weltweit vertreten.

Zunächst wurden von Eberspächer in Leipzig Verbrennungsmotoren gebaut, dann die Produktion für die Kriegswirtschaft auf Flugzeugmotoren umgestellt. Dabei dirigierte das Reichsluftfahrtministerium tief in das Unternehmen hinein. Im Zuge der Produktion wurde das Gelände massiv vergrößert und die Kapazitäten erhöht. Eberspächer baute vier Lager für Zwangsarbeiter_innen in Leipzig. Circa 900 Zwangsarbeiter_innen wurden beschäftigt. Unter anderem wurde zur Unterbringung das Gasthaus „Winters Garten“ verwendet, in dem 80 Menschen untergebracht wurden. Ausführlich beschreiben die Autor_innen die hygienischen Zustände, die Arbeitsbedingungen, die skrupellose Ausbeutung im Unternehmen – und den mit der Zwangsarbeit durch Eberspächer erzielten Gewinn.

Zur Aufarbeitung der Firma Eberspächer findet man im Netz wenig. In der online verfügbaren Firmenhistorie stellt sich das Unternehmen als Opfer dar: „Während des Zweiten Weltkriegs muss Eberspächer wie so viele andere Unternehmen Rüstungsgüter produzieren, der Firma werden dafür auch Zwangsarbeiter zugewiesen.“ Die enorm gestiegenen Gewinne und das Wachstum daraus werden verschwiegen.

Neben Eberspächer werden noch die Firmen Schirmer, Richter & Co; G.E. Reinhardt und Hugo Junkers in Connewitz beschrieben für Lindenau die Firmen Flüger & Polter sowie Müller & Montag und die Rudolf Sack KG. Ein eigenes Kapitel widmet sich in diesem Zusammenhang der Arisierung des Kaufhauses Held und der Zwangsarbeit, zu der Leipziger Jüdinnen und Juden gezwungen wurden.

Den Autor_innen ist es gelungen, eine dichte Erzählung der Zwangsarbeit für zwei Leipziger Stadtteile zu schreiben. Hier werden einige Beispiele anschaulich vorgestellt und es werden auch aktuelle Bezüge – Unternehmensgewinne – nicht ausgespart. Das Buch leistet einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung: NS-Zwangsarbeit in Leipzig und ihre alltägliche Sichtbarkeit wird klar thematisiert. Die ‚deutsche Amnesie‘ in dem Sinne, ‚man habe ja von nichts gewusst‘ bzw. ‚man‘ sei ja kollektiv Opfer wird auch hier widerlegt – die dominierende deutsche Bevölkerung wusste von der Zwangsarbeit und profitierte davon. Es werden sich hoffentlich weitere Arbeiten anschließen, die sich zu einem komplexen Gesamtbild für Leipzig verdichten.

Schäfer, Florian/Mangold, Paula: Vergessene Geschichte NS Zwangsarbeit in Leipzig, Leipzig 2014

 

 

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