Manöver-Streit in Dübener Heide

 Pilzsammler in der Dübener Heide können beim Thema Tiglitzer Forst richtig giftig werden. Noch gut haben viele in Erinnerung, wie zu DDR-Zeiten das Myzel-Paradies mit Warnschildern "Achtung: Militärischer Sperrbereich!" unerreichbar wie die Westverwandtschaft blieb.
Die Steinpilze und Maronen landeten trotzdem in privilegierten Pfannen. Gut gelaunt kamen an Herbst-Wochenenden schwerbeladene Korbträger aus dem Geisterwald der Nationalen Volksarmee gekrochen – Schlagbaumöffner war ein brauner Trainingsanzug mit ASV-Aufnäher für den Armeesportverein. "Damals wurden harmlose Waldbesucher von Armeestreifen aus dem Wald gejagt", erinnert sich Mathias Kirchhof aus dem angrenzenden Durchwehna. "Nie hätte ich gedacht, dass meine Kinder einmal ähnliche Ängste ausstehen müssen." Er sollte sich täuschen. Mit der Wende marschierte die NVA mitsamt der Unteroffiziersschule Harry Kuhn zwar in die Geschichtsbücher. Das Sperrgebiet bei Bad Düben aber blieb – jetzt im Besitz der Bundeswehr. Die ließ den Übungswald zunächst links liegen. Wanderer und Pilzsucher entdeckten Fauna und Flora für sich, Friede zog in den zum Naturpark gewidmeten Heidewald ein. Doch nun heißt es wieder: Feuer frei. Waldwege wurden kurzerhand mit Betonteilen verstellt, Bauern die Pachtverträge gekündigt, Feldjä-ger verteilten Knöllchen an verblüffte Radfahrer. Für Pfarrer Ralf Kühlwettler-Uhle, Sprecher der Bürgerinitiative Tiglitzer Forst und eifriger Unterschriftensammler gegen das Baller-Baller in der Heide, ist das Vertrauen in die Bundeswehr erschüttert. "Still und heimlich wurde über unsere Köpfe hinweg entschieden." Die rigorose Art habe Emotionen geschürt. "Da wurde 15 Jahre lang alles für die Entwicklung des Naturparks getan und nun soll plötzlich die Armee wieder Vorfahrt haben – da verstehen viele die Welt nicht mehr."
Oberst Gerhard Seibold von der Heeres-Unteroffiziersschule Delitzsch versteht die Aufregung nicht. Schließlich sei das Manövergelände nie aufgegeben worden. "Der Übungsplatz ist durch Missachtung des Betretungsverbotes klammheimlich in ein Naherholungsgebiet umgewidmet worden", kommentiert Seibold die aus seiner Sicht korrekte Rückeroberung. Der Oberst fährt schweres Geschütz auf: Es könne nicht sein, dass die Bundeswehr für die Beräumung von illegal abgeladenen Müll aufkommen müsse. "Da herrscht Mülltourismus, Lastwagenladungen voll mit Bauschutt werden abgekippt." Zudem gebe es Bedarf für den Übungsplatz. Durch die Übernahme eines anderen Bundeswehrstandortes erhöht sich die Zahl an der Delitzscher Unteroffiziersschule von 550 auf 1000 Soldaten. Der Gefechtsdonner soll sich in Grenzen halten – geübt werde militärische Aufklärung, vorwiegend mit Handfeuerwaffen und Übungsmunition.
"Wehret den Anfängen", hält Pfarrer Kühlwettler-Uhle dagegen. Seine Sorge: Ist der Wald erst remilitarisiert, könnten auch andere Bundeswehreinheiten zum Übungsschießen in die Heide einrücken. "Keiner will bislang eine Garantie geben, ob dann nicht vielleicht auch ABC-Truppen hier trainieren. Soviel Truppenübungsplätze gibt es schließlich nicht in Deutschland."
Diese Aussicht bringt den Bad Dübener Linkspartei-Stadtrat Andreas Flad um seine Feierabendruhe. "Wir haben wegen des Kurcharakters die Windräder nicht genehmigt und jetzt das." Unterstützung gibt es jetzt auch aus dem sächsischen Landtag. Michael Weichert, Vize-Fraktionschef der Grünen, fordert Schluss mit der Geheimniskrämerei: "Die Pläne der Bundeswehr gehören auf den Tisch." Laut Weichert gibt es keinen Ort, der weniger für Manöver geeignet wäre als die Dübener Heide. "Negative Auswirkungen auf Natur und Tourismus sind unausweichlich." Die Grünen wollen zwei kleine Anfragen im Landtag stellen.
Rita Henke, sächsische CDU-Vizefraktionschefin mit Wohnsitz in Bad Düben, empfiehlt Abrüsten auf beiden Seiten. Die Dübener Heide sei zwar früher durch die NVA-Präsenz stark belastet gewesen. Doch inzwischen sei die Bundeswehr ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, die Heeresunteroffiziersschule Delitzsch erhalte Arbeitsplätze in der Region. "Wir können nicht Bundeswehrhilfe beim Hochwasser erwarten und andererseits kompromisslos bei der Ausbildung sein." Die Leiterin der CDU-Arbeitsgruppe Bundeswehr fordert Gespräche und mehr Verständnis füreinander: "Giftpilze helfen in der Sache nicht weiter."
Quelle: Leipziger Volkszeitung 23.11.05
http://www.lvz-online.de/lvz-heute/12000.html

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