Gedichte gegen den Krieg: Montag

Hans-Jürgen Heise (*1930)

Deutscher Standpunkt, 1950

 

Ich war so etwas wie ein Blitzableiter
des Vaterlandes. Denn ich war Soldat.
Und kämpfte auch nach Stalingrad noch weiter,
was jedoch kaum etwas zur Sache tat.
Wir haben schließlich doch den Krieg verloren.
Trotz Mölders. Und trotz mancher Heldentat.
Der Deutsche blutete aus allen Poren
… an allen Fronten … und aus beiden Ohren.
Er lernte um, er wurde Demokrat.
Mit Pazifismus und mit frommem Blick nach Osten
Mit Wolfgang Borchert. Und mit Marshallplan.
Mit Wiedergutmachung und Besatzugnskosten,
viel TbC und wenig Lebertran.
Doch ändern sich nicht nur die Zeiten.
Nein, auch die Ansichten, sie ändern sich.
Und nun die Sieger unter sich sich streiten,
braucht, deutscher Landser, man auch wieder dich.
Du wirst erneut zum Blitzableiter,
und wacker stehst du deinen Mann:
Volkspolizei- oder Europaheer-Gefreiter,
das kommt auf die Besatzungszone an.


Aus: Poesiealbum neu „Gegen den Krieg. Gedichte & Appelle“, Leipzig 2013; auch als Hörbuch unter dem Titel „Schwarze Ängste. Neue Gedichte gegen den Krieg“ erschienen; Leipzig 2013;
herausgegeben von Ralph Grüneberger im Auftrag der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V.

 

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