‚Embedded journalism‘ war gestern. Nun hofiert der Journalismus schon die militärischen Werbeveranstaltungen der Bundeswehr. Zur Werbeveranstaltung für die Bundeswehr auf dem Gelände der ‚Mitteldeutschen Zeitung‘

Das geht nur im Osten. Dort wo vor lauter Hoffnungslosigkeit Menschen nach jeder Zukunftsperspektive greifen. Nachdem für die Kriege gegen Afghanistan und den Irak schon der Flughafen Leipzig-Halle zum militärischen Drehkreuz umgerüstet wurde – ohne größeren Protest, allein regionale und bundesweite Friedensorganisationen wie die DFG-VK stellten und stellen sich dagegen –, geht nun die regionale ‚Mitteldeutsche Zeitung‘ (MZ) einen Schritt weiter: Auf ihrem Gelände findet in Kürze der so genannte „Blaulichttag“ statt, bei dem die Bundeswehr die zentrale Rolle einnimmt. In ihre Wochenendausgabe vom 5./6. September 2015 legte die MZ eine martialische Beilage ein, die mit Panzerbildern und grinsenden Soldat_innen für das Militär wirbt. Dass die Bundeswehr junge Menschen ködert und in – quasi nicht kündbare(!) – Beschäftigungsverhältnisse ‚lockt‘, taucht in der Zeitung nicht auf. Die mittlerweile hohen Zahlen zur ‚Kriegsdienstverweigerung aus dem Dienst heraus‘ werden nicht thematisiert – bei dieser Art der Kriegsdienstverweigerung handelt es sich um ein umständliches Verfahren, mit dem junge Menschen, die sich einmal für die Bundeswehr verpflichtet haben, versuchen können, dem Militär zu entkommen. Das möchten junge Menschen z.B. oft dann, wenn sie ein Kind bekommen haben und sich daher ihre Sicht auf den Wert des Lebens geändert hat und sie sich nicht mehr vorstellen können, auf Menschen zu schießen.

Mittlerweile wurde einigem Journalismus bereits vorgeworfen, dass er sich in vergangenen Kriegen vom Militär kaufen ließ, um freundlich zu berichten. In diesem Sinne wurden die direkt in Einheiten des Militärs angesiedelten Journalist_innen kritisiert, die auf Grund der Einbindung ins Militär (‚embedded‘) keinen unabhängigen Journalismus machen, sondern nur wohlwollende und den Krieg verherrlichende Bilder liefern können. Sie zeigen etwa ‚Präzisionsangriffe‘, fliegende Raketen – hingegen tote Menschen, tote Soldat_innen und Zivilist_innen im Allgemeinen nicht.

„Wer einige dieser Retter und Helfer einmal kennenlernen möchte, hat dazu […] auf dem Gelände der Mitteldeutschen Zeitung Gelegenheit.“ – heißt es in der „Anzeigen-Sonderveröffentlichung – Blaulichttag – Mit Sicherheit Karriere!“ in der ‚Mitteldeutschen Zeitung‘. Es werde „allerhand geboten“, so könne man den Kampfpanzer Leopard 2 und die Drohnen der Bundeswehr in Augenschein nehmen. Die Bundeswehr ist in der Darstellung zentral – schon die Titelseite zeigt eine Frau in Kampfmontur, auf der Folgeseite sind auf einem halbseitigen Bild zwei Frauen dargestellt, die an einem Panzerrohr über den Kopf eines Mannes hinweg fröhlich ein Ziel anvisieren. Auch die Seiten 4 bis 7 stehen dabei ganz im Zeichen der Bundeswehr und wird mit Technikdarstellungen für das Militär geworben, als ob es sich um einen ‚Abenteuerspielplatz‘ handele. Dass mittlerweile auch viele deutsche Soldat_innen aus dem Krieg in Afghanistan traumatisiert zurückkehren, andere in Särgen – und dass in Afghanistan auch deutsche Soldat_innen etwa in die Tötung von Zivilist_innen involviert waren, davon handeln die Darstellungen nicht. (Empfehlenswert ist das Buch: „Mit der Hölle hätte ich leben können: Als deutsche Soldatin im Auslandseinsatz“ von Daniela Matijevic)

Ganz unverhohlen wirbt die Bundeswehr dabei um Schüler_innen, wenn es u.a. als Bildunterschrift auf S.7 heißt „Ein Karriereberatungsoffizier erklärt bei einem Camp in Delitzsch. Dort konnten eine Woche lang Schüler ‚Leben bei der Bundeswehr‘ erleben.“ Dabei widerspricht diese Werbung bei Schüler_innen sogar der Intention der UN-Kinderrechtskonvention, die gerade vermeiden will, dass das Militär unter Minderjährigen wirbt. (Empfehlenswert ist die Kampagne „Schulfrei für die Bundeswehr“)

Was bewegt eine Zeitung, so zu handeln und eine Werbeveranstaltung insbesondere der Bundeswehr auf ihrem Gelände zuzulassen? Und wie möchte sie in Zukunft noch unabhängig berichten, wenn sie offensichtlich so deutlich mit dem Militär verbandelt ist? Handelt es sich bei der Berichterstattung über Krieg und Außenpolitik in der ‚Mitteldeutschen Zeitung‘ dann um journalistische Beiträge, in denen frei und offen Kritik geübt werden kann, oder werden sie zuvor mit dem Militär und dem Außenministerium abgestimmt?

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