eine Diskussionsbeitrag auf den Aufruf zum “Kritischen Frieden”

Liebe Friedensfreundinnen und –freunde,

Sie halten es für sinnvoll und für die Friedensbewegung erforderlich, zu einer neuen >Friedensinitiative< aufzurufen. Dazu haben Sie einen Gründungsaufruf ins Netz gestellt, der mich veranlasste, diesen Brief zu schreiben. Es wird ein offener Brief im doppelten Sinne sein: ich werde mit meiner Meinung nicht allzu zurückhaltend umgehen und ihn für Interessierte mit der Bitte öffentlich machen, sich so oder so dazu zu verhalten.

>Kritischer Frieden. < Ein Gründungsaufruf Leipziger Bürger_innen. http://kritischerfrieden.blogsport.de/

Versuch einer Antwort:

(Die Originaltexte wurden als Zitate gekennzeichnet. Die Antwort bzw. Bemerkung dazu kursiv gesetzt.)

„Anlässlich der alljährlich stattfindenden Ostermärsche sehen wir den Zeitpunkt gekommen, zu einer neuen Friedensinitiative aufzurufen. Wir sind es leid zu beklagen, dass die Friedensbewegung keine Resonanz findet, obwohl die Sehnsucht nach Frieden und die Angst vor Krieg längst mehrheitstauglich sind.“

Wohl wahr, dass Friedensehnsucht und Kriegsangst mehrheitlich zu Aktionen führen könnten, wenn nicht immer wieder neue Gruppen und Grüppchen mit dem Anspruch auftauchen würden, den >Stein der Weisen< zur Entwicklung einer breit angelegten Friedensbewegung gefunden zu haben. Aber nicht genug damit, werden andere Bemühungen mit anderen Leitbildern aber ähnlichen bis gleichen Zielen diffamiert, falsch interpretiert und Aussortierung aus der Friedensbewegung empfohlen. Ich kenne honorige Persönlichkeiten, die sich der Friedensbewegung zugehörig fühlen und doch angewidert von dieser ideologisch motivierten Besserwisserei, zurückzogen. Der Anspruch der >neuen Friedensinitiative<, mehrheitstauglich zu sein, ist ein Widerspruch in sich und hat deshalb keine Chance. Es wird ein weiterer Akteur sein, der irgendwo herumsteht, mal mehr, mal weniger Leute um sich herum versammelt als die anderen, und glaubt durch Herabsetzung der anderen Einfluss zu gewinnen.

Für uns steht fest, dass die bisherigen Versuche der „Friedensbewegung“ in Leipzig weitgehend als gescheitert angesehen werden müssen.

„Für uns steht fest“. Schon diese Formulierung zeigt, dass die Gründer einer neuen Friedensbewegung nicht von dieser Welt sein wollen. Wenn die Wörter auch im Zusammenhang mit dem vermeintlichen Scheitern der „Friedensbewegung“ gebraucht wurden und deshalb nicht unbedingt falsch sein müssen, leider, zieht sich durch den ganzen Text dieser Geist des: „Es steht fest!“ Es ist ein unseliger Geist, der verhindert, den widersprüchlichen und hochkomplizierten Prozess zu erkennen und zu verstehen, dass auch mit der Friedensbewegung verbundene Menschen zu widersprüchlichen Handeln, Denken und Äußerungen verdammt sind.

„Eine Friedensbewegung, die es nicht schafft, sich von menschenfeindlichen Einstellungsmustern und Verschwörungsideologien abzugrenzen und den Boden für die rassistischen Aufmärsche von Legida mitbereitet hat, hat ihre Legitimationsgrundlage verloren.“

Das ist nun blanke Diffamierung und kann nur gewollte Fehlinformation sein. Die in einem längeren Prozess entstandene Erklärung der trad. Leipziger Friedensbewegung, lässt solche Schlussfolgerungen nicht zu. Nach meiner Einschätzung ebenso wenig die Treffen, die Montags stattfinden und an denen ich ab und zu teilnehme.

Von Montagsmahnwachen bis zu Legida, Friedensbewegung goes Querfront – der ganz rechte Friede.“

Dieser den größten Teil des Aufrufes einnehmende Abschnitt und deshalb wohl als Kern anzusehen,   ist einfach nur infam. In bunter Reihenfolge werden zu kritisierende und zu verurteilende Erscheinungen in der Friedensbewegung der letzten Jahre zusammengemischt und als übles Gebräu der trad. Leipziger Friedensbewegung übergegossen. In diesem Abschnitt sind so ziemlich alle Regeln missachtet worden, die redliche Autoren einhalten würden. Beispiele? Bitte:

„.. Schnell wurden auch Verbindungen in den offen neonazistischen Bereich deutlich. Es kann daher nicht verwundern, wenn immer wieder Personen aus dem Dunstkreis der NPD dort auftauchten,..“

Bei einer öffentlichen Veranstaltung mit offenem Mikrofon kann leider nicht verhindert werden, dass solche Leute mit dabei stehen und sogar zu Worte kommen. Vielleicht war am Anfang das Bemühen um Toleranz größer als die Einsicht, noch deutlicher dagegen aufzutreten. Heute wird so etwas früher unterbunden und es wird dagegen deutlich aufgetreten.

„….Damals wie heute wird der Regierung der Kampf angesagt, die Revolution propagiert und nach außen hin erfolgt eine rigide Abschottungspolitik.

Ja was denn nun? Rigide Abschottungspolitik oder zu offen gegenüber falschen Propheten? Weder wird der Regierung der Kampf angesagt, allenfalls bestimmten friedensbedrohenden und durch die Regierung beschlossenen Maßnahmen – z.B. Waffenexporten, Modernisierung von Atomwaffen in der BRD, „Wehrunterricht“ an den Schulen usw. – noch die Revolution propagiert. Wenn das so behauptet wird, muss die Anwendung der Methode der >Zersetzung< des politischen Gegners vermutet werden. So tief sollte niemand sinken.

„…Gegen Kritik wird sich immuninisiert: Kritiker_innen werden als uninformiert und unaufgeklärt bezeichnet. Dies ist umso mehr verwunderlich, da eines der Sprachrohre der Bewegung angab sein Wissen maßgeblich aus Youtube zu beziehen. ….“

Geraune über Kleinkram und Hinterzimmerinterna. Was für ein Niveau im Gründungsdokument einer Bewegung, die antritt, endlich eine große Friedensbewegung zu werden.

Eigentlich wollte ich noch auf mehr Passagen eingehen, aber ich merke, dass in mir der Zorn hochsteigt und das ist kein guter Ratgeber bei einem analytischen Versuch. Etwas geht aber noch:

„…Es kann für eine Friedensbewegung kein emanzipatorisches Projekt sein, der Homophobie und dem Nationalismus von Putin zu huldigen. …“

Das ist intellektueller Schwulst, verbunden mit primitiver Diffamierung durch Kolportierung von Unwahrheiten über die Leipziger trad. Friedensbewegung. Was für ein Niveau in einer Auseinandersetzung.

Natürlich wird auch nicht auf die ganz große Keule verzichtet, den Antisemitismusvorwurf oder die Nähe dazu:

Statt offensiv menschenfeindliche Einstellungsmuster wie Antisemitismus offen zu thematisieren, werden diese ignoriert, solange wie es gegen den scheinbar gleichen Feind geht: „Amerika“ und das „Kapital““

Was für ein Gründungsdokument, das im Wesentlichen im Angriff auf einen selbst geschaffenen Popanz besteht und in der Diffamierung von potenziellen Mitstreitern.

Unter den Erstunterzeichnern befinden sich Menschen, denen ich bisher gern zugehört habe, auch wenn ich nicht mit ihnen einverstanden sein konnte. Ihre Worte haben Eindruck hinterlassen und wurden erwogen. Kann es sein, dass sie allzu schnell und leichtfertig einem ärgerlichen Impuls nachgegeben haben und sich jetzt dort wiederfinden, wo sie mit ihrem intellektuellen und redlichen Anspruch keinesfalls hingehören?  

Versuch eines Ausblicks:

Da ich weder ein Protagonist oder Organisator der trad. Leipziger Friedensbewegung bin, allenfalls ein >Bei-Steher< im Sinne des Wortes, rufe ich meinerseits zu einer neuen >Friedensbewegung< auf, natürlich nur rethorisch:

Frauen und Männer, die ihr in euch das Bedürfnis spürt, öffentlich zu dokumentieren, dass euch das Spiel der Mächtigen mit dem Feuer große Sorge bereitet, ihr den Frieden durch die Interessen der Globalplayer ernstlich und aktuell bedroht seht, ihr nicht den Glauben verloren habt, dass viele Menschen auf den Straßen den Lauf der Dinge doch in ihrem Sinne beeinflussen können, euch das Gezänk um die wahre Wahrheit in der Friedensbewegung empört und anödet, nehmt euch die Zeit, am Montag auf den Augustusplatz zu kommen, um der Leipziger Friedensbewegung beizustehen.

Man wird doch noch mal träumen dürfen: Hunderttausend Menschen ohne große Fahnen und professionelle Transparente auf dem Augustusplatz und den angrenzenden Straßen, vereint mit dem einzigen Wunsch: >Ohne uns< und >Kein Krieg mit Niemand!<. Und selbst die selbsternannten >Tugendwächter< sind dabei und halten sich zurück.

Mit freundlich-friedlichen Grüßen

Johannes Schroth

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